Wunderpost für Copiloten

Dominik Steiger, Wunderpost für Co-Piloten, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1968. Umschlaggestaltung Walter Pichler

VON PRAG NACH HEYERDAHL

‚Die goldene Stadt … der Hradschin …‘, so sinnierte ich auf dem Wenzelsplatz. Vor mir stand ein Teller mit Powidltatschkerln. ‚Guten Tag mein lieb’s Prag‘, sinnierte ich weiter, ‚hier bin ich wieder.‘

‚Prossim, das macht 1Taler.‘ Ich bezahlte und ließ das Wechselgeld liegen. Der Ober fror erbärmlich in seinem schäbigen Kittel. Bedrückt wie Kafka stand ich auf und ging nachdenklich wie der Golem durch die stillen Gassen. Hier mußte Hagen Siegfried erlegt haben, dachte ich, als ich an einer Quelle vorbeikam. Ein zufällig vorbeikommender Rabbi starrte mich wie eine Geistererscheinung an. Mit meinem dicken Schal mußte ich ihm wirklich wie der Golem vorkommen. Spaßeshalber fauchte ich den Rabbi an, wie es der Golem immer gemacht hatte. Schreiend, und in seiner Verwirrtheit sich bekreuzigend, rannte er davon. 

Prag war offenbar die alte geblieben, mit ihren sagenhaften Gestalten, ihren Klopfgeistern in den stillen Küchen, ihren nach Kohlsprossen duftenden Stiegenhäusern und mit ihrer Moldau. Düstere, winkelige Gäßchen durchzogen das Ganze wie Goldadern, und hochdroben auf der Mine saß der Hradschin mit den Gebeinen der Habsburger unter sich. Da hatte Grillparzer sich den Bruderzwist ausgedacht, sinnierte ich, um als Foliant auf einem staubigen Regal der alten Universität auf Kafka, Blei und Brod zu warten. 

‚Haltet sie! Sie will sich was antun!‘, so sinnierte ich auf der Wenzelsbrücke. So ungefähr mochte ein Prager gerufen haben, als sich das unglückliche Dienstmädel in die Moldau stürzen wollte. Nachdenklich starrte ich in den sagenumwobenen Fluß unter mir und hörte ihn von vergangenen Tagen raunen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als ob jemand neben mir stünde und mir ins Ohr raunte: „Spring! So spring doch!“ Lächelnd drehte ich mich um, aber da war weit und breit niemand zu sehn. Meine Einbildungskraft mußte mich genarrt haben.

Mein Hut flog mir vom Kopfe. Mochte er nur weglaufen, vielleicht hatte er es woanders besser als bei mir, sinnierte ich und stellte meinen Mantelkragen auf. Die Entgegenkommenden zogen ihre schäbigen Kittel um so fester um ihren Leib. Ihre bunten Kopftücher in den Landesfarben Blau und Rot wehten lustig im Wind. ‚Mögen sie nur flattern, bis wir zu Hause sind‘, mag sich der eine oder andere Prager gedacht haben, ‚zu Hause müssen sie sowieso flach in der muffigen Lade liegenbleiben.‘ 

Für mich war Prag so etwas wie das Venedig des Nordens, und der Bürgermeister war für mich der Doge von Venedig. Marco Polo segelte für mich von Prag nach Ceylon, um sich den größten Rubin anzuschauen, und Byron knüpfte hier so manche zarte Bande, denen wir einige seiner ergreifendsten Sonette verdanken. Ja, selbst der ‚Fiesco‘ siedelte sich, in Ermangelung eines Genua des Nordens, in meiner Vorstellung in Prag an. Dies um so mehr, als gerade hier das schönste Deutsch gesprochen wurde. Schließlich war es ja in Prag, anno 1348, gewesen, wo die erste deutsche Universität gegründet worden war, und von wo aus das Alphabet seinen Siegeszug durch die Köpfe der deutschen Dichter und Denker angetreten hatte. Und während ich so vor mich hinsinnierte, vernahm ich ihre „Stimmen“ wie aus weiter Ferne: „Peta, reta, alpha, gamma, lust’ge Prager Deitsche samma, lust’ge deitsche Prager samma, peta, reta, alpha, gamma.“ So mochten sie gesungen haben, in den Studentenkneipen, eine mollige Dirne im Arm und ein Krügel Bier in der Hand. 

Dann kamen die unruhigen Zeiten mit ihrem ı. Prager Fenstersturz und ihrem 2. Prager Fenstersturz. Jan Hus husste die Hussiten gegen die Taboriten auf, die ihrerseits mit Utraquisten in der Fehde lagen, um schließlich einig gegen die Semiten anzutreten. Die Pogrome setzten ein, die Synagogen gingen in Flammen auf, und der Golem geisterte wieder durch die unterirdischen Kanäle von Prag und verbreitete jedesmal Angst und Schrecken, wenn er einen Kanaldeckel aufhob und sich der Prager Bevölkerung zeigte. Seine Erscheinung mußte die Phantasie der Pragerinnen in ähnlicher Weise beflügelt haben, wie das Phantom der Oper die Phantasie der Damen von Paris beflügelt hat. Denn die Pragerinnen begannen tiefausgeschnittene, rote Samtkleider zu tragen und die in roten Samt gebundenen Gruselromane mit Goldschnitt zu lesen. 

Um dieselbe Zeit wird auch die Anwesenheit eines gewissen Grafen Jaromir von Drachenstein in Prag zum ersten Male aktenkundig. Der Meldezettelabschnitt des ‚Excelsior‘ vom November des Jahres ı8.. spricht eine deutliche Sprache: Name: Graf Jaromir von Drachenstein. Geburtsdatum: unleserlich. Anschrift: Schloß Drachenstein. Zweck des Aufenthalts: Transportgeschäfte. Die Handschrift ist ungewöhnlich steil. Merkwürdig auch, daß dem Meldezettel noch heute ein unangenehmer Geruch entströmt, ähnlich jenem, wie er in dem gleichnamigen Roman beschrieben wird.

Fröstelnd trete ich aus dem Portal des ‚Excelsior‘, und während einige Passanten erschrocken stehen bleiben und sich nach mir wie nach einem Gespenst umsehn, tauche ich in einer Nebengasse unter. In einer finsteren Spelunke genehmige ich mir einen doppelten Stanislauer, gewissermaßen ‚pour la bonne bouche‘. Aber bald darauf steht eine Batterie leerer Schnapsgläser vor mir auf dem Tisch, an welchem mir ein paar düstere Gesellen seit geraumer Zeit ungebeten Gesellschaft leisten. Ihre schäbigen Kittel stehen vor Dreck, und an ihren Ohren bemerke ich schaudernd die Schlupflöcher der Milben. Sie verständigen sich in einer mir unbekannten Sprache und nicken einander verstohlen zu. Mit jeder Minute sinkt mir mehr und mehr der Mut, und uralte Abziehbilder steigen vor mir auf. Ihre grausamen Darstellungen in den Farben Rot und Blau ziehn verschwommen an mir vorüber und vereinigen sich in meiner inneren Schau zu ganzen Puppentheaterkulissen. Der Prager Kasperl schneidet mir fürchterliche Grimassen, und König Wenzel zieht mit seinen brandschatzenden Dragonern durch den düsteren Puppenwald. Da packt mich ein Schüttelfrost mit seiner derben Faust und wirft mich unbarmherzig vom Stuhle. Gläser klirren! Blut spritzt umher! Ein Gesicht, das wie Karl Kraus ausschaut, bückt sich über mich. Ich verliere die Besinnung.

Erwachen. Karl Kraus sitzt an meinem Bett und streichelt meinen Kopf. „Wo bin ich, Karl Kraus?“, ist meine erste Frage. Karl Kraus nimmt meine Hand in die seine und sagt: „Am St. Bernhardspaß, mein lieber Schiller, bei den lieben Brüdern und ihren Bernhardinern mit den Branntweinfäßchen.“ Ich muß wie ein Wahnsinniger dreingeschaut haben, denn er beruhigte mich, indem er meinen Kopf tätschelte und sagte: „Jaja, ich weiß, Sie haben geträumt, Sie seien Furtwängler und dirigierten die ‚Eroika‘, aber nun werden Sie bald wieder gesund werden, und dann machen wir zwei Hübschen eine Kur in Karlsbad. Das wird Ihnen gut tun, mein Lieber.“ Es kam mir alles wie ein böser Traum vor und ich zwickte mich in die Nase. Da verschwand das Trugbild und ich erwachte schweißgebadet auf meiner Pritsche, die wie die Kontiki auf dem Pazifischen Ozean schaukelte. Im nächsten Augenblick nahm mich eine haushohe Welle auf ihren Rücken, und vor mir lag das wildbewegte Meer. Für den Bruchteil einer Sekunde erblickte ich auf der nächsten Welle einen willenlos treibenden Hasenkadaver, und während ich schon wieder in das nächste Wellental hinunterstürzte, durchfuhr mich ein heißer Gedanke: ‚Land!‘ Da erfaßte mich ein gewaltiger Wellenberg und hob mich auf seinen Gipfel: ‚Hurra! Die Osterinseln!‘ Ich sah sie deutlich am Horizont.

aus: Dominik Steiger, Wunderpost für Co-Piloten, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1968, S. 16–19, zitiert nach: Katalog zur Ausstellung DOMINIK STEIGER RETROSPEKTIVE, Kunsthalle Krems, 2014, Hrsg. Hans-Peter Wipplinger, Konzept Suse Längle und Hans-Peter Wipplinger, Verlag d. Buchhandlung Walter König, S. 30 - 33